Auch wenn es hinterher im Lebenslauf oft aussieht wie eine von langer Hand geplante Entwicklung, sind unsere Entscheidungen doch auch vom Zufall und unserer Spontanität beeinflusst. Bei mir (Nils, Student im 4. Mastersemester „Interkulturelle Psychologie“ und seit Anfang März Human Resources-Praktikant bei der Lufthansa Technik Shenzhen) war dieser Zufall ein Abteilungsumzug während meines Pflichtpraktikums in der Personalentwicklung bei der Lufthansa Technik in Hamburg  ende letzten Jahres.

Aus Platzgründen teilte ich mein Büro während der Umzugsarbeiten mit einer Kollegin einer anderen Abteilung, die für die Auslandspraktika bei der Lufthansa Technik zuständig ist. Irgendwann sagte Mareike zu mir: „Nils, es gibt mal wieder eine Ausschreibung im HR Bereich, in Shenzhen“. Wir hatten manchmal im Spaß geklagt, dass es für „uns“ HR-ler nicht so viele Stellen wie für Ingenieure oder Wirtschaftswissenschaftler gebe. Aber eigentlich wollte ich sowieso im Sommersemester meine Masterarbeit schreiben. Andererseits: Wie oft bekommt man die Chance, diese Erfahrungen zu sammeln, eine neue Kultur aus der Arbeits- und der Alltags- bzw. „Touri“-Perspektive kennenzulernen?

Also schrieb ich meine Bewerbung auf Englisch und auf Deutsch (Chinesisch wird zum Glück nicht verlangt, da die Arbeitssprache hier Englisch ist) und wurde tatsächlich zum Telefoninterview Anfang Januar eingeladen. Wenn ihr euch bewerben wollt, ist sonst nur noch wichtig, dass ihr ein gut beurteiltes Inlandspraktikum absolviert (habt), weil dies Voraussetzung für ein Auslandspraktikum bei der Lufthansa Technik ist. Und euer Reisepass sollte noch einige Zeit gültig sein.

Nur wenige Tage nach dem Telefoninterview mit meiner jetzigen Vorgesetzten und meiner Vorgängerin Maria bekam ich die positive Rückmeldung: „Wenn du möchtest, kannst du ab 29.02.2016 bei uns für ein halbes Jahr anfangen“. Wow, das ging ja nun doch alles ganz schön schnell. Im Dezember beworben, im Januar die Zusage und fünf Wochen später schon mein erster Arbeitstag am anderen Ende der eurasischen Platte.

Ueber Zentralchina. Wenn ich innerlich nur halb so ruhig waere wie die Motoren

Über Zentralchina. Wenn ich innerlich nur halb so ruhig waere wie die Motoren

Doch gegen Ängste und Zweifel hilft vor allem Aktivität. Direkt nach meiner Zusage bekam ich einen Stapel an Unterlagen zugeschickt, die ausgefüllt werden mussten: Personaldaten, Arbeitsvertrag, die Zusage, mich selbstständig um eine Auslandskrankenversicherung zu kümmern und – ganz wichtig – der Kontakt einer Visa-Agentur, die bei der Visumsbeantragung hilft (die Kosten bekommt ihr übrigens erstattet!). Daneben musste ich meine Vorgängerin natürlich noch mit Fragen bombardieren: Wo wohnt man eigentlich in Shenzhen? Wie komme ich zur Arbeit? Wie bekomme ich eine SIM-Karte, ein Bankkonto und wie steht man in China zu Kreditkarten?

Plötzlich war es schon Mitte Februar und nachdem mein Visum in gefühlter Rekordzeit von drei Tagen fertig war (ich glaube in solchen Themen sind die Behörden weniger streng als der erforderliche bürokratische Aufwand vermuten lässt), bekam ich auch die Bestätigung meines Hinflugs für den Freitag vor Praktikumsbeginn. Als Auslandspraktikant/-innen werden euch in der Regel Hin- und Rückflug einige Tage vor bzw. nach dem Praktikum bezahlt, was eindeutig einer der Vorteile der Arbeit in einem Luftfahrtkonzern ist (nicht dass eine vierwöchige Seereise von Hamburg nach Hongkong nicht auch reizvoll sein könnte).

So ging es dann Ende Februar mit einer Portion Nervosität („was mache ich hier eigentlich und was habe ich wohl alles vergessen einzupacken?“) und Vorfreude („es kann ja nur gut werden! Was sollte denn schiefgehen?“) im Bauch mit der A380 von Frankfurt nach Hongkong und von dort mit der Fähre weiter nach Shenzhen, wo ich von einem Kollegen abgeholt wurde.

Direkt am Sonntag nahm ich an einem Ausflug mit Arbeitskollegen teil, bei dem wir unter anderem unser Mittagessen bestehend aus Hühnchen und Fischselbst im Stall bzw. Teich fangen und dann zubereiten mussten („we have to prepare our own food the guide just said“). Hallo Kulturschock! Doch da ich jetzt und hier darüber berichten kann, habe ich dieses Event offensichtlich gut überstanden. Vielleicht hat der Jetlag auch dazu beigetragen, das Ganze mit einer seligen Gelassenheit geschehen zu lassen.

ungestelltes Foto mit meiner Tischnachbarin Crystal

Ungestelltes Foto mit meiner Tischnachbarin Crystal

Der erste Arbeitstag war dagegen sehr angenehm. Ich wurde von meinen Kolleginnen im HR Bereich super aufgenommen, bekam eine Firmenführung (wir sind hier rund 500 Mitarbeiter in den Büros und Werkstätten) und wurde später in die kommenden Themen und Aufgaben eingeführt, an denen ich jetzt bereits arbeite. Und man zeigte mir die Kantine, sodass künftig Jagden im Hühnerstall ausbleiben können. Und besonders wichtig, wenn man kein Chinesisch spricht: Neben der Arbeit helfen meine Kolleginnen auch bei allen Unwägbarkeiten des chinesischen Alltags.

Irgendwie verrückt, wie schnell und mit welch überschaubarem Organisationsaufwand ich jetzt hier gelandet und vor allem angekommen bin. Mehr zu den Herausforderungen meines Jobs sowie den Grund, warum ich jetzt offiziell zertifiziert bin, mit „Westlern“ zusammenzuarbeiten, liefere ich euch beim nächsten Mal!

Viele Grüße, Nils

Blick Richtung Shenzhen Downtown

Blick Richtung Shenzhen Downtown

Ps. um die obigen Fragen zu beantworten: Ich lebe in Shenzhen in einer von der Firma gestellten „Praktikanten-WG“, ich bin von Tür zu Tür mit Metro und Shuttlebus jeden Tag rund 50 Minuten zur Arbeit unterwegs (was für hiesige Verhältnisse wirklich sehr gut ist), SIM- und Bankkarten bekommt man gefühlt an jeder Ecke und Kreditkarten sind hier zum Geldabheben gut, zahlen kann man meist nur bei den größeren Restaurant- oder Bekleidungsketten.