…Und das auch noch in China? Die obige Frage habe ich so oder so ähnlich schon während meines Einsatzes in Hamburg des Ӧfteren gehört. Und auch wenn es vielleicht enttäuschend klingt, ich führe keine Gespräche mit vereinsamten A320-Triebwerken, die zwar Seite an Seite, aber durch den Flugzeugrumpf getrennt von ihrem Partner durch die Welt fliegen (so romantisch diese Vorstellung auch sein mag). Das überlasse ich lieber den Kolleginnen und Kollegen in den Werkstätten, die in diesem Bereich über deutlich mehr Fingerspitzengefühl verfügen!

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Eingangstor, Werkstatthallen und die obligatorische Heckflosse mit dem Kranich am LTS-Gelaende

Nein, denn neben dem Bereich der Psychotherapie ist die Wirtschaftspsychologie der grösste Bereich, in dem Psychologen tätig sind. In Personalentwicklung, Recruiting, Personaldiagnostik (wir testen und messen was das Zeug hält!), psychosozialer Beratung oder als Coach und Berater, in all diesen Gebieten sind Psychologen gefragt. Auch „die Technik“ lebt zuallererst von den Menschen, die hier arbeiten!

Ich bin nun seit mehr als zwei Monaten hier in China,  lang genug, um einige Einblicke in meinen Arbeitsalltag im Personalbereich der Lufthansa Technik Shenzhen zu gewähren. Schon zu Beginn fiel mir auf, dass die grossen Strukturen des Konzerns hier nicht so stark spürbar sind. In Hamburg war ich klar dem Bereich Personalentwicklung zugeordnet und hatte naturgemäss seltener Kontakt zu anderen HR-Funktionen, geschweige denn zu den Produktionsbereichen. Hier aber arbeiten wir in einer HR-Abteilung mit sieben Personen, die alle administrativen Tätigkeiten sowie das Recruiting, Personalentwicklung, Personalbetreuung und so weiter bearbeiten. Entsprechend grösser ist die Themenvielfalt, der ich ausgesetzt bin. Entsprechend grösser sind auch meine Handlungsspielräume: Ideen können viel schneller umgesetzt werden, weil Hierarchien und Abstimmungswege deutlich flacher und kürzer sind.

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Der gute Personalentwickler beginnt bei sich selbst: In der Mittagspause mein Chinesisch auf Vorschulniveau trimmen

Das angesprochene Recruiting ist derzeit unsere grosse Herausforderung. Wir befinden uns auf dem Wachstumspfad und bis 2018 sollen bei derzeit ca. 500 Mitarbeitern neue Stellen im dreistelligen Bereich entstehen. Doch gibt es hier in China gerade was hochqualifizierte Spezialistenjobs angeht, oft nur eine Handvoll Experten, die das entsprechende Rüstzeug besitzen. Für junge Leute von den Hochschulen und Universitäten stellt vor allem der Standort in Shenzhen eine Herausforderung dar. Die Quadratmeter-Preise in der Region sind in den vergangenen Jahren derart explodiert, dass man über die Mietpreisentwicklung in deutschen Grossstädten nur lachen kann. Beschaffung von Wohnraum und Unterstützung bei Wohnungsfinanzierungen sind somit wichtige Themen für die lokalen Arbeitgeber, um attraktiv zu bleiben.

Auch die Fluktuation, die „Jobwechselrate“ in China ist nicht vergleichbar mit der in Deutschland. Die Bindung an ein Unternehmen ist meist eher schwach, und ein um wenige 100 Euro besseres Angebot reicht aus, um den aktuellen Arbeitgeber zu verlassen. Das „Retention Management“, also Mittel und Wege, die qualifizierten Mitarbeiter an Bord zu halten, ist folglich ein weiterer wichtiger Aspekt in unserem Aufgabenspektrum.

Ich bin also gut eingespannt, sei es das Drehen von Imagefilmen oder Erstellen von Broschüren und Websites für das Personalmarketing, die Entwicklung von Job Interviews, oder die Planung von Massnahmen zur Mitarbeiterzufriedenheit.

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Frisurenlotterie beim Haareschneiden – interkulturelle Zusammenarbeit auch abseits des Arbeitsplatzes

Als interkultureller Psychologe bin ich natürlich auch an der Zusammenarbeit von Chinesen und Deutschen in unserer Organisation interessiert. Nur weil wir alle Englisch sprechen, sprechen wir noch längst nicht die gleiche Sprache, wenn tieferliegende (kulturbedingte) Ideen und Werte in die Kommunikation einfliessen. Ich hatte das Glück, in Vertretung unseres CEO einen Workshop zum Thema „working with westerners“ zu besuchen. Wie der Name schon verdeutlicht, bestand die Zielgruppe des Kurses aus Chinesen, die die westliche „Arbeitskultur“ kennenlernen wollten. Für mich ging es zudem darum zu schauen, ob das Training künftig auch firmenintern für unsere Mitarbeiter angeboten werden sollte (klares Ja! an dieser Stelle).

So nahm ich als einzige „Langnase“ an diesem Workshop teil, was mich natürlich gleich zu einer Art europäischem Role Model machte („Nils, that is the way Europeans see this?“ – „Yes, I also think exactly like that!“ – vermassel dem Trainer jetzt bloss nicht die Tour). Unabhängig davon habe ich sehr viel mitgenommen. Wie Vorurteile entstehen, weil wir das „fremde“ Handeln nur aus unserer eigenen Perspektive beurteilen. Wie Kultur in Anpassung an soziale und natürliche Faktoren entsteht. Und ganz praktisch wie ein einfaches „Ja“ in China bedeuten kann „ich werde es versuchen“ oder „ich habe deine Worte gehört“ verglichen mit unserer deutschen Sicht, dass mit einem „Ja“ die Übernahme von Verantwortung einhergeht. Ich sage nicht, dass das eine oder andere besser oder schlechter ist, man muss sich dessen aber bewusst sein. Genauso ging es um das Auftreten in Meetings und die Art, Kritik direkt (Deutschland) oder indirekt (China) anzusprechen. Zum Abschluss gab es noch eine Lektion im europäischen Handschlag: Der Reihe nach wurden Hände geschüttelt, und ich durfte beurteilen, ob es sich um einen „dead fish“ oder eine “ starke, selbstbewusste“ Begrüssung handelte.

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Finde den Westler: Die stolzen Diplomandinnen und Diplomanden sind bereit „to go International“

Schliesslich habe ich „bestanden“ und mein Diplom zur Zusammenarbeit mit Westlern erhalten. Nun kann ich im August also auch beruhigt nach Deutschland zurückfliegen.

Soviel für diesen Monat von den Herausforderungen für mich und für die Lufthansa Technik Shenzhen. Falls euer Interesse an einem Job in Shenzhen geweckt wurde, meldet euch gerne bei mir, meine Recruiting-Tätigkeit geht auch hier weiter!