Inzwischen sind schon wieder rund zwei Wochen vergangen, seitdem ich euch von unserem 1912. Flugbegleiterlehrgang berichtet habe. Unsere Teilnehmer haben in der Zwischenzeit ihr SEP-Training erfolgreich absolviert. Jetzt fragt ihr euch vielleicht: SEP, was ist das überhaupt? SEP bedeutet Safety and Emergency Procedures. Im SEP-Teil des Lehrgangs trainieren die Teilnehmer alle Verfahren, die in einem eventuellen Notfall an Bord oder Boden angewendet werden. Natürlich hoffen wir alle, dass wir diese Verfahren niemals anwenden müssen, aber als Flugbegleiter muss man jederzeit auf diesen Fall vorbereitet sein.

Im SEP-Training wird ganz viel Wert auf Praxis gelegt und unsere Teilnehmer üben auf originalgetreuen Flugzeugattrappen. Ja, nicht nur für die Piloten gibt es Flugsimulatoren, auch für die Kabinencrews gibt es solche. Diese sind so gebaut, dass man wirklich das Gefühl hat, sich innerhalb eines Flugzeugs zu befinden, das heißt, sie bewegen sich in alle Richtungen, und auch die Geräuschkulisse ist wie in einem richtigen Flugzeug. Während des Trainings werden dann die verschiedensten Szenarien geübt, von der Notlandung über die Notwasserung bis hin zu Feuer an Bord.

Damit während des Trainings keine Schäden an der eigenen Kleidung auftreten, tragen die Teilnehmer bei den praktischen Übungen diese Overalls.

Im Hands-On-Raum

Im Hands-On-Raum

 

FBL 1912 in der Simulator Halle

FBL 1912 in der Simulator Halle

Hier könnt ihr zum Beispiel sehen, wie unsere Teilnehmer während einer Übung das Flugzeug über eine der Notrutschen evakuieren. Während der Übung werden immer einige Teilnehmer als Crew eingeteilt und die übrigen Teilnehmer agieren als Passagiere.

Evakuierung A340

Evakuierung A340

Für den Fall, dass das Flugzeug eine Notlandung auf dem Wasser machen muss, wird während des SEP-Trainings auch die Notwasserung und der Umgang mit den Rettungsflößen geübt. Dazu müssen wir jetzt nicht extra ans Meer oder ins Freibad fahren, sondern wir haben hier in Frankfurt unser eigenes Schwimmbad im Haus, wie Ihr auf den Fotos sehen könnt.

 

 

Seenotrettungsübung

Seenotrettungsübung

 

Seenotrettungsübung

Seenotrettungsübung

Um euch noch einen etwas tieferen Einblick in das Training geben zu können, hatte ich vor einigen Tagen die Gelegenheit, mich mit Grit zu unterhalten. Grit ist SEP-Trainerin bei Lufthansa Aviation Training in Frankfurt und konnte mir sehr viel über das Training erzählen.

Marco: Bevor wir uns jetzt gleich über das SEP-Training unterhalten, würde ich gern erst noch etwas mehr von Dir erfahren, liebe Grit. Was hast Du denn bei Lufthansa schon alles gemacht, bevor Du hier bei Lufthansa Aviation Training im Bereich SEP gelandet bist?

Grit: Erst mal möchte ich allen Lesern des Blogs „Hallo“ sagen und mich für das große Interesse an der Flugbegleiterausbildung bedanken. Die Fliegerei ist ja an sich schon ein sehr spannendes Berufsfeld und gerade der Beruf des Flugbegleiters ist für mich einer der letzten wirklichen Traumberufe.
Aber nun zu mir: Ich habe 1996 selbst als Flugbegleiterin bei Lufthansa angefangen mit dem 929. Flugbegleiterlehrgang. Ich hatte zu einer Zeit bei Lufthansa angefangen, als der Einstieg nur über die Kurzstrecke möglich war. Anfangs war ich in Berlin stationiert und bin die ersten zwei Jahre nur Kurzstrecke geflogen. Nach zwei Jahren habe ich dann nach Frankfurt gewechselt, weil sich mir dort die Möglichkeit bot, auf die Langstrecke zu wechseln. Plötzlich stand mir dann die große weite Welt offen. Auch damals war Frankfurt schon die größte Station der Lufthansa. Genau wie die Teilnehmer heute, wollte ich damals die ganze Welt kennenlernen. Es war dann auch so, ich konnte in dieser Zeit all die Länder bereisen, von denen ich schon immer geträumt hatte, und das auch noch auf der Boeing 747, die wir ja bis heute in unserer Flotte haben und die ich jetzt auch hier in der LAT schulen darf. So hat sich dann irgendwie der Kreis für mich geschlossen. Neben der reinen fliegerischen Tätigkeit wollte ich aber auch immer etwas mehr machen und bin dann im Service-Training gelandet und später war ich in dann noch in der Abteilung, die für die Erstellung sämtlicher Trainingshandbücher zuständig ist. Da wir ja auch im Training die Gesetze und Vorschriften der Fliegerei umsetzen müssen. Nach einer gewissen Zeit wollte ich dann selbst wieder trainieren und vor 1,5 Jahren konnte ich dann wieder ins Training wechseln und bin seitdem SEP-Trainerin.

Marco und Grit

Marco und Grit

Marco: Wie würdest du denn jemand, der sich mit der Fliegerei überhaupt nicht auskennt, erklären wie Dein Arbeitsalltag aussieht?

Grit: Ich bin Trainerin, das heißt ich bringe anderen Leuten etwas bei. Und zwar in meinem Fall die speziellen Notverfahren im Flugzeug. Ich bringe den Teilnehmern also bei, wie sie in einem Notfall richtig reagieren sollen.

Marco: Gibt es bei Dir so etwas wie einen typischen Arbeitstag oder sieht jeder Tag bei Dir anders aus?

Grit: Das hängt stark davon ab, was für ein Training ich gerade unterrichte. Bei einem Grundkurs zum Beispiel, bei dem das SEP-Training insgesamt 9 Tage geht, dauern die Tage jeweils von 8:30 Uhr bis 16:30 Uhr und die neun Tage haben einen fixen Stundenplan. Das Training findet dann einerseits im Lehrsaal statt und natürlich sind wir mit den Teilnehmern auch viel auf unseren Simulatoren und üben die praktische Anwendung der Verfahren. Dann habe ich aber auch kürzere Schulungen, die nur drei Tage dauern. Dies ist immer dann der Fall, wenn die Flugbegleiter auf ein neues Flugzeugmuster geschult werden. Hier werden ja dann nur die für das jeweilige Flugzeumuster erforderlichen Verfahren trainiert. Und dann gibt es noch die jährlichen Trainings für alle Flugbegleiter. Jeder Flugbegleiter muss für jedes Flugzeugmuster, auf dem er eingestzt wird, ein jährliches Wiederholungstraining machen. Dabei wird viel praktisch trainiert, aber es gibt auch einen schritlichen Test am Ende des Tages. Diese Trainings dauern dann nur jeweils einen halben Tag. Insgesgamt eine gute und abwechslungsreiche Mischung.

Marco: Auf welche Arten von Notfälle werden die Flugbegleiter während des Trainings denn genau vorbereitet?

Grit: Zum Glück passieren die Dinge, die wir hier trainieren, äußerst selten, aber die Teilnehmer müssen trotzdem gut vorbereitet sein. Im SEP-Training geht es also darum, gut vorbereitet zu sein, falls der Fall der Fälle einmal eintreten sollte. Beispielsweise für den richtigen Umgang, falls an Bord einmal ein Feuer ausbrechen sollte. Dies ist die größte Gefahr, die uns überhaupt passieren könnte, da wir ja in der Luft nicht einfach die Feuerwehr rufen können, sondern selbst für die Feuerbekämpfung zuständig sind. Wir trainieren also, wie man mit verschiedenen Arten von Feuer an Bord umgehen muss. Wir haben hier sogar einen Feuercontainer, in dem wir richtige Feuer simulieren können, die dann von den Teilnehmern gelöscht werden. Im Grundkurs nehmen wir uns insgesamt drei Tage Zeit für das Thema Feuerbekämpfung an Bord. Ein weiterer großer Teil des SEP-Trainings ist die Evakuierung des Flugzeugs im Notfall. Wir trainieren also die Verfahren, wie wir in einem Notfall unsere Passagiere so schnell und sicher wie möglich aus dem Flugzeug evakuieren. Dazu gehört natürlich der Umgang mit den Türen und den Notrutschen. Wir üben nicht nur Evakuierungen an Land, sondern auch so genannte Notwasserungen. Dazu gibt es am letzten Tag des SEP-Trainings die Seenotrettungsübung in unserem eigenen Schwimmbad hier im Haus. Diese Übung macht den Teilnehmern sehr viel Spaß, denn man kann hier einmal mit einer echten Schwimmweste ins Wasser und die Teilnehmer üben auch, wie man ein Dach über dem Rettungsfloß aufbaut und die gesamte Notausrüstung verwendet.

Marco: Wie muss ich mir denn so eine Evakuierungsübung genau vorstellen?

Grit: Das jeweilige Evakuierungsverfahren ist natürlich für jedes Flugzeugmuster genau festgelegt. Zunächst lernen die Teilnhemer wann überhaupt ein Flugzeug evakuiert werden muss. Welche Kommandos dabei aus dem Cockpit kommen und welche Kommandos dann an die Passagiere gegeben werden müssen. Dann lernen die Teilnehmer natürlich auch, wie man die Flugzeugtür im Notfall richtig öffnet, damit sich  die Notrutsche korrekt aufbläst. Anschließend auch, wie man die Passagiere zu den Notrutschen leitet und wie die Passagiere rutschen sollen. Aber damit ist die Evakuierung natürlich noch nicht beendet, wir trainieren auch, welche Maßnahmen noch nach dem Verlassen des Flugzeugs zu treffen sind, zum Beispiel das Mitnehmen der Notausrüstung, wie Erste-Hilfe-Ausrüstung oder auch einfach nur Taschenlampen. Genrerell ist korrekte Handhabung der gesamten Notausrüstung ein wichtiger Teil des Trainings.

Marco und Grit

Marco und Grit

Marco: Gibt es am Ende des SEP-Trainings eigentlich einen Test und kann ich mir das so ähnlich vorstellen wie bei der Führerscheinprüfung?

Grit: Also, es gibt sogar mehrere Tests während des Trainings, nicht nur einen. Aber davor brauchen die Teilnehmer keine Angst zu haben, denn sie werden auf die Tests sehr intensiv vorbereitet. Zum einen gibt es einen praktischen Test, der auf dem Simulator durchgeführt wird. Dabei müssen die Flugbegleiter zeigen, dass sie die im Training gelernten Notverfahren korrekt anwenden können. Da geht es zum Großteil um das Thema Evakuierung und Feuerlöschen. Und anschließend gibt es noch die schriftlichen Tests. Diese Tests werden als multiple-choice Test durchgeführt. Ein Test behandelt die allgemeinen Verfahren, die bei Lufthansa immer gelten, und in einem weiteren Test geht es um die Verfahren für das jeweilige Flugzeugmuster. Zuletzt gibt es noch einen Test zum korrekten Umgang mit Gefahrgütern, bei welchem sogar das Handbuch verwendet werden darf. Es muss also wirklich niemand Angst vor den Tests haben.

Marco: Also wirklich ein wenig wie bei der Führerscheinprüfung, auch wenn man hinterher das Flugzeug nicht selbst steuern darf. Meine nächste Frage wäre: Welchen Herausforderungen stehen denn unsere angehenden Fugbegleiter während des SEP-Trainings gegenüber?

Grit: Ich denke, die Fliegerei ist sehr vielschichtig und viele Aspekte sind auf den ersten Blick unsichtbar. Wer bisher nur einmal im Jahr in den Urlaub geflogen ist, sieht vielleicht nur den Flugbegleiter, der etwas zu essen oder trinken serviert. Man sieht also als Außenstehender nur den Service, aber nicht, was sonst noch alles dazugehört, ähnlich wie bei einem Eisberg, wo man auch nur die Spitze über Wasser sieht. Die fundierte Ausbildung für den Fall der Fälle bekommen die Passagiere ja glücklicherweise in den wenigsten Fällen mit. Eine weitere Herausforderung ist die Unterscheidung zwischen SEP und Service. Während des Service sind wir Flugbegleiter immer höflich und zuvorkommend zu den Gästen. Bei einer Evakuierung wären Worte wie „bitte“ und „danke “ unangebracht. Aber gerade diese Kombination macht einen guten Flugbegleiter aus. Schnelles Umschalten ist also gefragt.

Marco: Liebe Grit, vielen Dank für Deine Zeit und den Einblick in das SEP-Training.

 

In dem nächsten Beitrag werdet ihr mehr erfahren, was unsere Teilnehmer während ihres Erste-Hilfe-Trainings gelernt haben. Falls ihr die bisherigen Blog-Beiträge noch einmal nachlesen möchtet, habe ich hier für euch die Links:

– Die Flugbegleiterausbildung bei Lufthansa Teil 1: „Welcome to Lufthansa“

Die Flugbegleiterausbildung bei Lufthansa Teil 2: „Blick hinter die Kulissen“