Ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre…. Der Tag meiner „EU“ – der Eignungsuntersuchung zum Purser.

Heute ist es soweit. Der große Tag ist gekommen. Heute findet das Assessment Center statt, in dem ich beweisen möchte, dass ich für die Tätigkeit eines Pursers geeignet bin. Um 10.00 Uhr soll ich mich auf der Lufthansa Basis einfinden. Und obwohl ich die halbe Nacht vor Aufregung kaum geschlafen habe, bin ich schon um sechs Uhr wieder wach. Na gut, was soll‘s. Steh ich eben auf, mache mich in Ruhe fertig, frühstücke ausreichend. Der Tag wird anstrengend werden, da brauche ich Energie für den Tag. Ich muss mich dazu zwingen, denn vor Nervosität ist mir überhaupt nicht danach, etwas zu essen. Eigentlich Quatsch, denn ich habe alle Voraussetzungen erfüllt und mein Teamleiter hat mich empfohlen – das würde er nicht tun, wenn er nicht an mich und meine Fähigkeiten glauben würde. Und ich habe mich intensiv auf die Aufgaben vorbereitet, die ich heute bewältigen muss. Und selbst wenn ich heute „durchfallen“ sollte, kann ich den Tag noch zweimal wiederholen. Aber wer fällt schon gerne durch? 

Ich im Anzug an meinem Lufthansa-Postfach - seriös, wie es sich für eine -hoffentlich- zukünftige Führungskraft gehört

Ich im Anzug an meinem Lufthansa-Postfach – seriös, wie es sich für eine -hoffentlich- zukünftige Führungskraft gehört

Ich mache mich also auf den Weg zum Flughafen – mit genügend Zeitpuffer eingeplant: Falls eine Bahn ausfällt, kann ich mir immer noch in Ruhe ein Taxi suchen. Heute ist die Bahn überpünktlich, ich werde ein wenig ruhiger. In der Bahn bekomme ich viele SMS: Freunde und Familie wünschen mir einen erfolgreichen Tag, sie sind überzeugt, dass ich das Assessment Center heute meistern werde.

Um halb zehn betrete ich den Raum, der in meinem Einladungsschreiben steht. Zwei weitere Kollegen haben heute auch ihren EU-Termin, und in den nächsten Minuten kommen noch drei weitere, die sich ebenfalls heute beweisen wollen. Gemeinsam lächeln wir uns an, versuchen mit Smalltalk die angespannte Stimmung zu überspielen. Es gelingt uns bei einer Tasse Kaffee – irgendwie.

Pünktlich um zehn Uhr werden wir abgeholt und in einen Raum gebeten, der mit Computern voll gestellt ist. Hier begrüßen uns zwei Psychologinnen, zwei Teamleiter und zwei Purser. Man erklärt uns noch einmal kurz den Ablauf des Tages. Computer-Test, persönliches Gespräch, Präsentation auf Englisch. Dann geht es los: Ich beginne mit den Tests. Hier werden verschiedene Übungen gemacht: Zahlenreihen ergänzen, aus verschiedenen Mustern das nicht passende aussortieren, Sätze logisch ergänzen. Alles Aufgaben, die ich vorher kannte, und die ich intensiv geübt habe. Es geht leicht los, und dann wird das Niveau immer schwieriger. Die Zeit, die man zur Verfügung hat, ist so bemessen, dass man nicht alle Aufgaben bewältigen kann. Auch das wusste ich vorher. Und doch, als ich nach Ablauf der Zeit von der ersten Testreihe noch vier Aufgaben übrig sind, wird mir etwas mulmig. Was soll‘s, denke ich mir, weiter machen. Gegen Ende hin wird es echt kniffelig, ich werde nervös, komme ins schwitzen und bin mir nicht sicher, welche Antwort die richtige ist. „Mut zur Lücke“ – ich klicke Lösung A an… Jetzt empfliehlt mir der Computer eine Pause, was ich dankbar annehme. Frische Luft, Anspannung abschütteln. Obwohl es ein kalter, grauer Herbsttag ist, ist mir nicht kalt. Adrenalin durchfließt meine Adern. Weiter geht‘s. Nachdem ich alle Tests abgeschlossen habe, bin ich auch schon dran mit meinem persönlichen Gespräch.

 

Welche Figur kann aus dem Modell links gebildet werden?  Mit so einem Test habe ich mich u.a. vorbereitet

Welche Figur kann aus dem Modell links gebildet werden?
Mit so einem Test habe ich mich u.a. vorbereitet

..und mit so einem auch...

..und mit so einem auch…

Vor mir sitzen eine Psychologin, eine Teamleiterin und ein Purser. Alle lächeln freundlich und fragen mich, wie es mir geht, ob ich sehr nervös bin etc. Na klar bin ich nervös! Und wie! Und dennoch – da muss ich jetzt durch. Es geht los mit den klasssischen Fragen: Warum glauben Sie, dass Sie als Purser geeignet sind? Was sind Ihre Stärken? Gibt es Dinge, die Sie nicht gut können? Ich habe mich darauf vorbereitet und kann gute Antworten geben. Hoffe ich. Denn während ich antworte, schaut mich keiner der drei an. Alle schreiben wie wild auf ihren Notizblöcken, ich weiß gar nicht, wen ich anschauen soll. Habe ich etwas was falsches gesagt? Oder warum schreiben die so viel? Ich beende meine Ausführungen, und die Psychologin schlägt mir ein Rollenspiel vor, in dem ich mit einer Flugbegleiterin ein kritisches Gespräch über ihre Arbeit führen soll. Man achtet darauf, was ich sage, wie ich es sage, ob ich empathisch genug bin, ob ich aber auch ausreichend Führungsstärke besitze, ob ich der Kollegin Raum lasse selbst eine Lösung zu finden und wie ich das gemeinsame Gespräch schließlich abschließe.

Puuh, geschafft. Rollenspiel vorbei. Ich habe nun Zeit zur Selbstreflektion und werde gefragt „Wie fanden Sie sich? Hätten Sie im nachhinein etwas anders gemacht?“ Auch hier antworte ich wahrheitsgemäß und authentisch. Und nun, noch ein Rollenspiel. Macht nichts, ich laufe gerade warm, und es macht mir fast schon Spaß. Wenn doch nur diese leichte Aufregung nicht wäre…

Und dann… Ist auch schon eine gute Stunde vorbei, das Gespräch ist beendet. Ich bin erleichtert. Einen Großteil der Aufgaben habe ich hinter mir. Zeit für die Mittagspause. Gestärkt bin ich bereit für den letzten Teil des Auswahltages: Ich muss eine Präsentation auf Englisch halten. Die Themen sind im Vorfeld bekannt, nur welches dran kommt, ist unklar. Das ist für mich der leichteste Teil. Ich habe alle Themen zu Hause intensiv vorbereitet, mir Konzepte überlegt, Metaplankarten mit einbezogen, ich weiß, was ich auf das Flipchart schreiben werde. Englische Begriffe, die mir nicht geläufig waren, habe ich mir eingepaukt. Als ich erfahre um was es geht, bin ich entspannt. Ich soll etwas über interkulturelle Kommunikation erzählen. Mache ich als Flugbegleiter ja bereits täglich an Bord, also kein Problem. Souverän meistere ich die Präsentation, frage nachher meine Zuhörer, ob sie noch Fragen hätten, beantworte diese – auch auf englisch natürlich- und dann bin ich entlassen. Eigentlich. Denn jetzt heißt es abwarten auf das Ergebnis.

Mein Flipchart zum Thema Interkulturelle Kommunikation

Mein Flipchart zum Thema Interkulturelle Kommunikation

Eineinhalb Stunden, ich sitze in der Crewlounge auf der Basis und nehme gerade einen Schluck Kaffee. Mein Handy klingelt, und ich verschlucke mich fast vor Aufregung. Die Psychologin ist dran: „Hallo Dominik, wie geht es Ihnen?“ „Blöde Frage, ich komme um vor Nervosität“ denke ich mir aber ganz Service Professional antworte ich „Danke, gut, ein wenig aufgeregt bin ich.“ Ein Lachen am anderen Ende. „Das brauchen Sie nicht sein. Ich wollte Ihnen nur kurz meine Glückwünsche bestellen – Sie werden in Kürze Ihre Ausbildung zum Purser bei der Deutschen Lufthansa anfangen.“ Mir entfährt ein Freudenschrei, ich bedanke mich und beende das Telefonat. Um mich herum fragende Gesichter von Kollegen in Uniform. Wie ein Honigkuchenpferd grinsend erzähle ich, dass ich gerade meine EU bestanden habe. Glückwünsche, Umarmungen, und auch ein paar Freudentränen von wildfremden Menschen. Sie freuen sich mit mir, dass ich eine neue Position in der Lufthansa-Familie übernehmen werde. Und schon sind aus Fremden Freunde geworden….